Wie risikoreiche mittelalterliche Expeditionen die Welt veränderten: Jahrestagung der Gesellschaft für Globalgeschichte in Kiel
Nach den Worten des Organisators, Prof. Dr. Martin Krieger, war diese Tagung in Kiel dazu berufen, die fundierten und facettenreichen wissenschaftlichen Erkenntnisse sichtbar zu machen. “Dabei sollten Expeditionen des Mittelalters und der Neuzeit als organisierte Unternehmungen verstanden werden, die durch die Erforschung neuer Regionen zielgerichtet die Grenzen des Wissens erweiterten und sich von militärisch-ökonomischen Zielsetzungen zu wissensgetriebenen Reisen entwickelten. Das Ziel der Tagung war es demnach, die Ansätze der Globalgeschichte, Wissensgeschichte und Kulturgeschichte zusammenzuführen, um dieses historische Phänomen umfassend zu analysieren“ – bemerkte er.

„Als Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte liegt es in meiner Natur, mich auf empirische und pragmatische Fakten zu stützen. Ein Blick aus dem Fenster genügt: Kiel ist die einzige Universitätsstadt in Deutschland, in der man direkt aus den Hörsälen beobachten kann, wie Riesenschiffe zweimal täglich Richtung Skandinavien aufbrechen. Für mich als gebürtigen Salzburger, der nun schon seit geraumer Zeit hier lebt und forscht, besitzt das majestätische Einlaufen dieser Großschiffe in den Hafen jedes Mal aufs Neue eine faszinierende Wirkung, gesteht der zweite Organisator der Tagung, Prof. Dr. Gerаld Schwedler. Während wir über Globalgeschichte debattieren, erinnern uns die Schiffshörner an die hochgradig routinierten Prozesse von Aufbruch und Ankunft. Das zeigt, dass selbst die größten Weltreisen ganz alltäglich beginnen und enden. Entscheidend sind am Ende die Narrative – die Geschichten, die um diese Ereignisse herum entstehen.“

Nach den Worten des Dekans der Philosophischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU), Prof. Dr. Dirk Westerkamp, hat die Globalgeschichte sowohl für die Fakultät als auch für das Historische Seminar stets eine herausragende Bedeutung gehabt.
„Dies hängt nicht zuletzt mit der – und hier zitiere ich meinen Kollegen Martin Krieger – ‚doppelten Kolonialgeschichte‘ Schleswig-Holsteins zusammen. Bis 1864 standen Kiel, seine Universität und die Geschichtswissenschaft unter der dänischen Flagge und waren Teil einer global agierenden Monarchie, die sich vom Nordkap über Grönland bis zur Elbe erstreckte und Kolonien in der Karibik, in Afrika und in Asien besaß. Nach 1864 und 1871 wurden Kiel und seine Universität in das Deutsche Kaiserreich integriert und damit zu unmittelbaren Akteuren seiner imperialistischen Außenpolitik. Aus diesen historischen Gegebenheiten leiten die Organisatoren der heutigen Konferenz eine besondere Verantwortung ab, die sie zugleich als fachliche Herausforderung verstehen“, bemerkte Prof. Westerkamp.

Nach den Worten der renommierten Sinologin Prof. Dr. Angelika Messner besitzen die Asien- und Afrika-Studien (AS) weiterhin eine herausragende Bedeutung, da an ihrer Basis an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) ein dauerhaftes Zertifikatsprogramm eingerichtet wurde. Dieses stellt ein einzigartiges Beispiel für die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen dem Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Geschichte, Alttestamentlern, Islamwissenschaftlern und Sinologen dar.
„Dieses Studienangebot erfreut sich einer stetig wachsenden Nachfrage, und die Zahl der Studierenden, die das Programm erfolgreich abschließen, nimmt kontinuierlich zu“, betonte die Professorin. „Ein weiteres Ergebnis dieser Arbeit war die Gründung der eigenen wissenschaftlichen Schriftenreihe Kieler Beiträge zur Asiatischen und Afrikanischen Kunde. Bislang sind bereits fünfzehn Bände erschienen, die eine bemerkenswert hohe wissenschaftliche Resonanz und Zitierhäufigkeit aufweisen. Was den hier vorgestellten Sammelband Heilige Orte in Asien und Afrika betrifft, so war ich selbst als Mitherausgeberin an seiner Veröffentlichung beteiligt.“

Gegenstand des Plenarvortrags von Anne Haslund Hansen, Ph.D., Senior Research Fellow und Kuratorin der Sammlung klassischer und vorderasiatischer Altertümer am Dänischen Nationalmuseum, war die Königlich-Dänische Arabien-Expedition von Carsten Niebuhr (1761–1767) und ihr Zusammenhang mit dem Konzept der „biblischen Länder“. Die Referentin stellte dabei eine zentrale Frage: „Wem gehören diese sakralen Territorien, und wie wird ihr Status bestimmt?“
Die naheliegende Antwort, dass sie geographisch dem jeweiligen lokalen Bevölkerungskollektiv gehören, erscheint auf metaphysischer Ebene weniger eindeutig. „Genau so ist es: Im spirituellen Sinne gehören diese Länder auch den Gläubigen. Vielleicht erklärt dies, warum die Expedition, die in Kopenhagen begann, über Istanbul (Konstantinopel) nach Ägypten führte, wo die Forscher aus verschiedenen Gründen etwa ein Jahr lang verweilen mussten. Das eigentliche Ziel der Reise war jedoch der Jemen auf der Arabischen Halbinsel“, erläuterte die Wissenschaftlerin.
„Mein wissenschaftliches Interesse an diesem Thema hängt unmittelbar mit meiner Tätigkeit am Dänischen Nationalmuseum (Nationalmuseet) zusammen, in dem die Artefakte der Niebuhr-Expedition aufbewahrt werden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Sammlungsbestände heute zwischen Kiel und verschiedenen Institutionen in Kopenhagen verstreut sind. In den vergangenen zwanzig Jahren habe ich drei Monographien sowie zahlreiche Fachaufsätze zu diesem Themenbereich veröffentlicht. Unter anderem gelang es, eines der zuvor unveröffentlichten Tagebücher eines anderen Expeditionsteilnehmers herauszugeben, da die Unternehmung als gemeinschaftliches Forschungsprojekt mehrerer Gelehrter konzipiert war.“

Interessanterweise werden die Originale der Reisetagebücher von Carsten Niebuhr in der Universitätsbibliothek der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (Universitätsbibliothek Kiel) aufbewahrt. Diese einzigartigen Quellen bildeten seinerzeit die Grundlage für sein grundlegendes Werk „Reisebeschreibung nach Arabien und andern umliegenden Ländern“, das zu den bedeutendsten Reiseberichten des 18. Jahrhunderts zählt.

In den kommenden Tagen wird die „Warta Bayerns“ die Leserinnen und Leser mit den Konferenzthesen (auf Ukrainisch und Deutsch) vertraut machen.